Die dunkle Seite der Macht des Geldes
Sklaverei und Schuldknechtschaft. Geld, Recht und Gewalt als Teil der römischen Sozialordnung
Von Harald Küst
Die Ausstellung „Cash!“ erzählt die Geschichte des Geldes. Zwar ist hier weitaus mehr zu sehen als nur Münzen und Scheine, doch Münzen sind gerade in der Archäologie von besonderer Bedeutung. Sie zeigen nicht nur Handelskontakte, sondern sie erlauben in Kombination mit schriftlichen und siedlungsarchäologischen Quellen auch Aussagen über Krisen und gesellschaftliche Umbrüche. Besonders deutlich ist dies in der Zeit römischer Besatzung. Dr. Andrea Gropp, die Kuratorin von „Cash!“ erklärt: „Wir haben uns vorgenommen, auch die Kulturgeschichte des Geldes zu erzählen. Römische Münzen sind einerseits Ausdruck von Zivilisation, Reichtum und politischer Ordnung römischer Herrschaft, aber Geld war andererseits ein Machtmittel, das Menschen in Abhängigkeit brachte – bis hin zur Unfreiheit.“
Arbeitskraft zur Tilgung von Schulden
Der Rhein war die Hauptverkehrsader des Reiches. Gehandelt wurden: Wein, Öl, Keramik, Metallwaren, Glas, Getreide, Vieh und Sklaven. Die römische Geldwirtschaft war zwar hochentwickelt, funktionierte aber nur, weil sie auf Schulden, Zwang und Sklavenarbeit beruhte. Das Phänomen der Schuldknechtschaft fügte sich in die allgemeine Sozialordnung ein, die auch in den nördlichen Provinzen Geltung hatte. Hier trafen Militär, Handel und Landwirtschaft zusammen, hier waren Kreditgeschäfte allgegenwärtig: Die Zinsen waren hoch, Sicherheiten knapp. Wer seine Schulden nicht begleichen konnte, riskierte mehr als nur den Verlust seines Besitzes. Ein Schlüsselbegriff ist das „nexum”, eine frühe römische Form der Schuldknechtschaft. Es verband Geld, Recht und Gewalt. Die Bedingungen für Geldgeschäfte diktierten die mächtigen Grundbesitzer. Wer seine Schulden nicht begleichen konnte, konnte haftbar gemacht werden – bis hin zur zeitweisen oder dauerhaften Unfreiheit. Schulden waren somit kein abstrakter ökonomischer Wert, sondern ermöglichten einen direkten Zugriff auf den Körper eines Menschen.

Mosaik aus Sidi Ghrib (Tunesien) mit einer Frau und zwei Sklavinnen. Foto: Fabien Dany, CC-BY-SA-2.5.
Sklavenökonomie – Verschuldete und Kriegsgefangene als Ressource
Das römische Sklavensystem wurde durch zwei Hauptquellen gespeist: Kriegsgefangene aus den Eroberungszügen und Menschen, die infolge von Verschuldung in Abhängigkeit gerieten. Auf diese Weise verbanden sich Geldwirtschaft und Sklavenwirtschaft zu einem eng verflochtenen System. Schätzungen von Historikern zufolge lebte in Italien zeitweise bis zu einem Viertel der Bevölkerung in Unfreiheit. Die römische Wirtschaft am Niederrhein basierte auf der Versorgung der Legionen über den Rhein, dem Handwerk und Handel. Anders als in Italien war die Region stark militarisiert. Daher standen Heer, Grenzsicherung und die Versorgung der Truppen stärker im Vordergrund als die großflächige, stärker auf Sklavenarbeit gestützte Landwirtschaft, wie sie für Teile Italiens typisch war. Dies leiten Historiker aus der Wirtschaftsstruktur, Inschriften und dem militärischen Versorgungsnetz ab. Die Sklaven wurden als rechtlose Landarbeiter, Handwerker, Hafen- und Transportarbeiter oder Haushaltshilfen eingesetzt.
Sklaven als Bremsen der Innovation?
Neuerdings wird im Zusammenhang mit der römischen Wirtschaftsgeschichte die Frage diskutiert, wieso eine Industrialisierung nicht bereits im Römischen Reich eingesetzt hat. Das Prinzip der Dampfkraft, mit dem die Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann, war den Römern bereits bekannt. Es gab Banken, verschiedene Zins- und Kreditsysteme und allgegenwärtige Absatzmärkte. Aber um die Wirtschaftsleistung zu optimieren, muss die Produktion entweder durch Investitionen in die Herstellungstechnik oder durch kostengünstige Arbeitskraft erhöht werden. Da stets Sklaven oder niedrig entlohnte Bauern zur Verfügung standen, gab es für die reiche Oberschicht Roms möglicherweise einfach keinen Grund, in bessere Technik zu investieren. Die – aus Sicht der Besitzenden – günstig verfügbaren Arbeitskräfte machten Innovationen unnötig
Rückgang der „Arbeitskräfteimporte” und hohe Militärausgaben verschärfen die Krise
Ab dem 2. Jahrhundert versiegte allmählich der Zustrom neuer Sklaven, da sich Rom nunmehr auf Grenzsicherung statt auf Eroberung konzentrieren musste. Hinzu kamen Seuchen und Bürgerkriege. Rom fiel jedoch nicht aufgrund der Frankenüberfälle. Der Zerfall kam von innen, und die Hauptursache dafür war etwas, das die meisten übersehen: Der Rückgang der „Arbeitskräfteimporte” und die hohen Kosten für das Militär (geschätzt 50–70 % der Steuereinnahmen). Historiker wie Keith Hopkins sehen den Rückgang der „Arbeitskräfteimporte” als wesentlichen Faktor für die Destabilisierung der Wirtschaft. Andere Historiker betonen dagegen strukturelle Faktoren wie Steuerdruck und Währungspolitik. Im 3. Jahrhundert n. Chr. treten am Niederrhein verstärkt Münzverschlechterung und Hortfunde auf – ein Hinweis auf Inflation, politische und militärische Unsicherheit. Der Anfang vom Ende.
Warum das für uns heute noch interessant sein kann…
Historische Vergleichslinien sind hilfreich, um Kontinuitäten von Ausbeutung und Risikofaktoren der Geldwirtschaft zu verstehen. Trotz globaler rechtlicher Ächtung existiert moderne Sklaverei weiter – meist verborgen innerhalb internationaler Verflechtungen. Frauen und Kinder sind dabei nach wie vor besonders gefährdet. Somit ist Sklaverei kein historisches Phänomen, sondern ein globales Gegenwartsproblem. Historische Vergleichslinien zur römischen Geldwirtschaft vernachlässigen jedoch, dass unsere Wirtschaft durch Kredit, Zinssteuerung und technologische Innovationen völlig anders funktioniert als das geschlossene, metallbasierte System Roms. Schwerer und zeitloser wiegt hingegen die psychologische Konstante: das Vertrauen der Bürger in die Geldwertstabilität.
Literatur: Andrea Gropp: Cash! Eine Geschichte des Geldes. Duisburg: Mercator-Verlag, 2024.








