Mehr als nur Dekoration: Was uns die Duisburger Schmuckschätze im Stadtmuseum über die Menschheit verraten
Von Harald Küst
Duisburg wird im ersten Moment nicht unbedingt mit Schmuck und Edelsteinen verknüpft. Dennoch verbirgt sich im Magazin des Kultur- und Stadthistorischen Museums eine ungewöhnliche Schmucksammlung der Köhler-Osbahr-Stiftung. Wer den dazugehörigen Katalog durchblättert oder die mitunter ungewöhnlichen Objekte betrachtet, stößt schnell auf ein Phänomen, das überrascht: Schmuckstücke sind weit mehr als ein rein dekoratives Element. Sie spiegeln stattdessen weltweite Kulturgeschichte wider. Über Jahrhunderte und Kontinente hinweg erfüllte Schmuck nicht nur dekorative, sondern vor allem auch soziale, wirtschaftliche und religiöse Aufgaben.
1. Schmuck als magisches Schutzamulett
Ein durchgängiges Motiv weltweit ist der Glaube an die Schutzwirkung von Schmuck. Bei den nordafrikanischen Berbern sollten bestimmte Symbole – etwa fünf Punkte, die Hand der Fatima oder blaues Emaille in der Farbe des „Guten Blicks“ – das Unheil abwehren. Auch Tierdarstellungen wie Schildkröte oder Schlange besaßen Unheil abwendende Funktion.
2. Schmuck als sakrales Werkzeug
Im alten Ägypten ging diese Komponente noch weiter: Schmuck war dort nur zu einem kleinen Teil für die Lebenden gedacht. Ein Großteil der erhaltenen Stücke stammt aus Gräbern – Brustkreuze, Ketten und Ringe sollten die Verstorbenen auf ihrer Reise ins Jenseits schützen. Schmuck war hier weniger Mode als religiöses Werkzeug.
3. Schmuck als Teil von Ehe und Mitgift
Schmuck markierte stets entscheidende Übergänge im Lebenslauf. Bei den Kabylen in Algerien erhielten Frauen ihre Fibeln, Halsketten und Armreife unter anderem zur Hochzeit – als Geschenk und fester Bestandteil der Mitgift. Der Schmuck ging damit direkt in die materielle Ausstattung einer neuen Ehe und Familie über. Er war also nicht nur Zierde, sondern ein sichtbares Zeichen von Wohlstand. Schmuck diente hier auch dazu, gesellschaftlich zugewiesene Geschlechterrollen sichtbar zu machen.
4. Schmuck als Handelsware und Zahlungsmittel
Perlen aus Glas, die vor allem in Europa hergestellt wurden, spielten über Jahrhunderte eine zentrale Rolle im Afrikahandel. Millionen dieser Perlen gelangten nach Afrika und wurden dort gegen Gold, Elfenbein und Gewürze getauscht – in einem dunklen Kapitel dieser Geschichte auch gegen Menschen. Mehr noch gilt dies für die Manillen, massive Armreife, die auch den Namen „Sklavengeld“ trugen. Schmuck war damit unmittelbar in globale, teils koloniale Wirtschaftsbeziehungen eingebunden und fungierte zeitweise wie eine Währung.
5. Schmuck und Handwerkskunst
Massive Silberarbeiten, oft reich verzierte Fibeln und Anhänger, zeugen von meisterhafter Handwerkskunst. Die Herstellung selbst genoss hohes soziales Ansehen. Der Beruf des Silberschmieds wurde hoch geachtet. Man schrieb den bearbeiteten Metallen eine magische Kraft zu, die auf den Handwerker abfärbte.
6. Schmuck als Statussymbol
Im Hinduismus gilt das Streben nach Wohlstand und Reichtum als eines der Ziele des Menschen. Wichtig ist jedoch, dass das Geld rechtmäßig erworben und ethisch eingesetzt wird. In Indien war Schmuck immer auch eine Kapitalanlage, denn Schmuckstücke können bei Bedarf verkauft oder eingeschmolzen werden. Eine Frau bekam sie bei ihrer Hochzeit als finanzielle Absicherung geschenkt. Trug eine Frau den ganzen Unterarm voller Armreife, drückte dies ihren Wohlstand aus.
7. Orden & Repräsentation
Abgerundet wird das Spektrum durch internationalen modernen Gold- und Silberschmuck sowie eine außergewöhnliche Kollektion von Orden und Ehrenzeichen exotischer Herkunft, die zeigen, wie Schmuck auch als Zeichen von Macht, Verdienst und staatlicher Repräsentation eingesetzt wurde.
Silber, Gold und Edelstein faszinieren über Kontinente hinweg
Die Sammlung verdeutlicht die kulturelle Vielfalt der Schmuckkunst weltweit. Sie zeigt, dass Schmuck weit mehr ist als Zierde – er ist Ausdruck von Identität, Schutz, Spiritualität und Bildung. Von nomadischem Silberschmuck über filigrane Arbeiten aus Süd- und Südostasien bis hin zu europäischen Gemmen spiegelt jedes Objekt die Werte und Traditionen seiner Kultur wider. Ob als Bank am Körper, Schutzschild gegen unsichtbare Gefahren, Mitgift, Handelsgut oder Statusmarker – Schmuck war in der Menschheitsgeschichte selten „nur“ schön. Er organisierte Besitz, Beziehungen, Glauben und die soziale Ordnung. Genau das macht die Bestände der Köhler-Osbahr-Stiftung zu einem kulturhistorischen Zeugnis, weit über Stadtgrenzen hinaus.
Info: Sammlung Köhler-Osbahr
Mit Leidenschaft für Kunst und Sammeln gründeten Ingeborg Köhler-Osbahr und Dr. Herbert Köhler 1986 die Köhler-Osbahr-Stiftung. Sie fördert Kunst, Wissenschaft und Musikkultur in Duisburg. Sie vergibt jährliche Nachwuchs- und Musikpädagogikpreise und unterhält neben der Schmucksammlung die umfangreiche Münz- und Antikensammlung „Cash!“ als Dauerleihgabe im Kultur-und Stadthistorischen Museum.
Umfang: Über 200 Schmuckstücke (inklusive des persönlichen Schmucks der Stifterin Ingeborg Köhler-Osbahr)
Standort: Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg
Träger: Köhler-Osbahr-Stiftung zur Förderung von Kunst und Wissenschaft
Schwerpunkte & Kollektionen:
• Algerischer Berberschmuck
• Turkmenischer Silberschmuck
• Indischer Silberschmuck
• Südostasiatischer Silberschmuck und Silberdosen
• Europäische Gemmen (18. bis 20. Jahrhundert)
• Internationaler moderner Gold- und Silberschmuck
• Bestand an Orden und Ehrenzeichen (meist exotischer Herkunft)










