Die Chronologia von 1569

Nach dem Erscheinen des Erdglobus begann Gerhard Mercator die Arbeit an einem Großprojekt, das ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen sollte: Er wollte nicht nur die Oberfläche der Erde wiedergeben, wie er es mit Globen und Karten tat, sondern den Kosmos als Ganzes beschreiben. Er stellte sich ein fünfbändiges Werk vor, dass die Geschichte aller Herrscher, die Schöpfung der Welt, die Bewegung der Himmelskörper, die antike und neue Geografie sowie die Stammbäume der Herrschergeschlechter umfassen sollte.

Titelseite der Chronologia
Titelseite der Chronologia
Einträge zum Perserkönig Xerxes und den biblischen Figuren Jakob und Esau in zwei aufeinanderfolgenden Jahren.
Einträge zum Perserkönig Xerxes und den biblischen Figuren Jakob und Esau in zwei aufeinanderfolgenden Jahren.

Der erste Band dieses Großprojekts erschien im Jahr 1569 unter dem Titel Chronologia, hoc est temporum demonstratio exactissima ab initio mundi usque ad annum domini 1568 … (dt.: Chronologie, das ist eine genaue Beschreibung der Zeit vom Beginn der Schöpfung bis zum Jahr 1568). Wie bei anderen Werken auch, folgte Mercator hier dem Ansatz, die Überlieferung der Bibel durch antike und spätere Überlieferungen zu ergänzen und diese miteinander in Einklang zu bringen.

Mercators Chronologia ist damit charakteristisch für eine vormoderne Geschichtsschreibung, die die Bibel als historisches Dokument wörtlich nimmt und spätere Ereignisse bis zur eigenen Gegenwart, von der die Bibel nicht berichtet, als Teil einer christlichen Heilsgeschichte zwischen dem Tod Jesu und dem Jüngsten Gericht versteht. Geschichtsbücher dieser Art gibt es seit der Spätantike. Bekannte mittelalterliche Beispiele sind die Weltchronik des Frutolf von Michelsberg (spätes 12. Jh.) und die des Hartmann Schedel (1493).

Das Besondere bei Mercators Chronologia ist, dass der größte Teil des über 400-seitigen Werks nicht aus seitenfüllendem Fließtext, sondern aus kleinen Einträgen entlang eines Zeitstrahls besteht. Dieser Zeitstrahl beginnt im Jahr Null mit der Schöpfung der Welt. Nach und nach kommen Angaben in ägyptischer, griechischer, römischer und christlicher Zeitrechnung hinzu. Der Zeitstrahl verbreitert sich im Laufe der Geschichte somit von einem dünnen Streifen zu einem bis zu fünfspurigen Band. Während auf den ersten Seiten noch sechs Abschnitte des Zeitstrahls nebeneinander auf eine Seite passen, sind es im ersten Jahrhundert n. Chr. nur noch zwei Abschnitte. Bei der Synchronisation der verschiedenen Zeitrechnungen und Kalendersysteme verwendete Mercator unter anderem Berichte von Sonnenfinsternissen als gemeinsame Fixpunkte.

Der Tod Jesu angegeben in fünf Zeitrechnungen.
Der Tod Jesu angegeben in fünf Zeitrechnungen.
1348 -1349
1348 -1349

Mercator bestimmte den Tod Jesu auf das Jahr 35 und nicht wie üblich angenommen 33 oder 34 nach dessen Geburt, weil er davon ausging, dass der letzte Lebensabschnitt Jesu, seine Zeit als Prediger, nicht dreieinhalb, sondern viereinhalb Jahre angedauert habe. Diese These versuchte er mithilfe einer Evangelienharmonie zu belegen, die er den Seiten mit dem Zeitstrahl voranstellte. Diese Evangelienharmonie ist eine vierspaltige Tabelle, in der von oben nach unten, über 30 Seiten hinweg Ereignisse aus dem Leben Jesu parallelisiert nebeneinander gestellt werden, so wie sie in den Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes beschrieben werden.

Ein weiterer Unterschied zu anderen Weltchroniken besteht darin, dass Mercator nur die politische Geschichte abbildet, also im Wesentlichen die Ereignisse, die Herrscher und Päpste betreffen. Für die Jahre 1348 und 1349 trägt er z. B. ein, welche Fürsten sich gegen den römisch-deutschen König Karl IV. gestellt haben, aber nicht, dass der „Schwarze Tod“  (Erreger: Yersinia pestis) ein Drittel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahinraffte.

Zu den wenigen Ausnahmen, bei denen Mercator grundlegende Ereignisse des öffentlichen Lebens abseits der Herrscher erwähnt, gehört ein Eintrag über den Beginn der Reformation durch die Publikation von Martin Luthers 95 Thesen im Jahr 1517. Bei Erscheinen der Chronologia, gut 50 Jahre nach diesem Ereignis, befand sich die katholische Kirche in einer Krise. Als Maßnahme gegen die Ausbreitung ketzerischer Gedanken ließ sie neue Schriften durch die Inquisition prüfen und gegebenenfalls auf den Index verbotener Bücher setzen. Dieses Schicksal ereilte auch Mercators Chronologia. Mercator saß im Jahr 1544 bereits für mehrere Monate in Haft wegen Verdachts der Lutherey und war der Inquisition somit bekannt. Eine Verbreitung der Chronologia war nur ohne den Eintrag zum Jahr 1517 zulässig. In machen erhaltenen Exemplaren kann man sehen, dass der Eintrag überklebt wurde.

Eintrag zum „Startschuss“ der Reformation im Jahr 1517 nach christlicher Zeitrechnung.
Eintrag zum „Startschuss“ der Reformation im Jahr 1517 nach christlicher Zeitrechnung.
Überklebter Eintrag im Jahr 1517 n. Chr. bzw. 5484 nach Erschaffung der Welt.
Überklebter Eintrag im Jahr 1517 n. Chr. bzw. 5484 nach Erschaffung der Welt.

Mercators Chronologia endet nicht mit dem Jahr 1568, wie der Titel vermuten lässt, sondern gibt noch einen kleinen Ausblick in die Zukunft. Für das Jahr 1576 nahm er den Beginn einer zehnjährigen Brache aller Felder an, auf die das Jüngste Gericht folgen sollte. Wie viele Weltchronisten vor ihm, erwartete Mercator das Ende der Geschichte noch in seiner Lebenszeit. Dazu ist es bekanntermaßen nicht gekommen. Von seinen geplanten fünf Bänden konnte Mercator noch die Abhandlung über die Schöpfung der Welt schreiben, die ein Jahr nach seinem Tod als „kosmographische Meditationen“ im Vorwort zum Atlas erschienen sind. Die Stammtafeln der Herrscher sind ebenfalls als Beigaben im Atlas enthalten. Die antike Geografie des Ptolemäus veröffentlichte Mercator 1578, die neue Geographie war durch seine Karten im Atlas abgedeckt. Das Werk über die Himmelskörper hatte er nicht mehr beginnen können. Jedoch sind Mitschriften aus Vorlesungen erhalten, die er am Duisburger Akademischen Gymnasium zu diesem Thema gehalten hatte.

 

Autor: Dr. Dennis Beckmann

 

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